Krems: Der langjährige künstlerische Leiter des Klangraum Krems Minoritenkirche und des Festivals
Glatt&Verkehrt ist nach schwerer Krankheit gestorben.

In großer Trauer geben wir, das Team des Klangraum Krems Minoritenkirche und des Festivals Glatt&Verkehrt, den Tod unseres langjährigen künstlerischen Leiters Josef „Jo“ Aichinger bekannt.

Jo Aichinger hat seit den 1990er Jahren die heute so lebendige und international beachtete Kremser, niederösterreichische und österreichische Kunst- und Kulturszene, diesen „Kosmos kreativer Köpfe“ (Michael Horowitz, Kurier 2017), entscheidend mitgeprägt.

Der 1955 in Bad Aussee geborene und in Fels am Wagram aufgewachsene, ausgebildete Techniker kam als Autodidakt und großer Liebender zur Kuratierung von avancierten Musikveranstaltungen. Free Jazz stand am Anfang. Er gründete in den frühen 1980er Jahren den Jazzklub Thürnthal, später die Kunstwerkstatt Tulln. Während seiner Mitarbeit bei der Landeshauptstadtplanung entwickelte er das Festival „Neue Impressionen“ in der Synagoge St. Pölten. Als technischer Leiter der Kunsthalle Krems erhielt Jo Aichinger 1992 von Gründungsdirektor Wolfgang Denk den Auftrag, eine spartenübergreifende Konzertschiene unter Einbeziehung der säkularisierten Minoritenkirche in Krems-Stein auf die Beine zu stellen. Daraus folgte ein legendäres, viertägiges Konzertereignis mit La Monte Young, einem der einflussreichsten Vertreter der Minimal Music, und der Lichtkünstlerin Marianne
Zazeela.

1995 gestaltete Aichinger anlässlich der 1000-Jahr-Feier der Stadt Krems ein sehr erfolgreiches Akkordeonfestival, das den Grundstein für das zwei Jahre später gegründete Festival Glatt&Verkehrt legte. Dafür holte er den ORF/Radio Ö1 (und damit auch die Kuratoren Wolfgang Schlag und den heutigen künstlerischen Leiter Albert Hosp) sowie die European Broadcast Union (EBU) mit ins Boot: „Das Festival habe ich ins Leben gerufen, um zu zeigen, dass es noch etwas Anderes gibt, als die eigenen vier Wände und die eigene Kultur.“ Dabei sollte Glatt&Verkehrt kein mainstreamiges Weltmusikfestival werden (einen Begriff, den Jo Aichinger versuchte zu vermeiden), das Experimentelle, „Verkehrte“ war ihm näher als das „Glatte“, der Mainstream: „Ich wollte etwas ausrichten, das von den traditionellen Formen von Volksmusik ausgeht und gleichzeitig in den zeitgenössischen und
auch in den experimentellen Bereich hineinreicht.“

Für die Minoritenkirche (seit 2003 Klangraum Krems Minoritenkirche) und ihre spezifischenräumlichen und akustischen Vorgaben initiierte Jo Aichinger zwei weitere Festivals:

1999 begann er das Format für ein außergewöhnliches Frühlingsfestival zu entwickeln, daszunächst nur wenige Abende umfassend – heute zu einer mehrwöchigen Reihe angewachsen ist: das Osterfestival Imago Dei. Mit seinem künstlerisch wie inhaltlich fein abgestimmten Programm mit Musik aus verschiedenen Ethnien und Epochen (darunter auch etliche Auftragswerke), mit Diskurs, Literatur und Film beleuchtet es ein philosophisch-spirituelles Jahresthema aus verschiedenen Blickwinkeln. Die letzte von ihm für 2020 kuratierte Ausgabe musste aufgrund von Corona verschoben werden. Im Juni 2021 wurde aber ein Großteil des Programms schließlich umgesetzt. Jo Aichinger konnte die Eröffnung, die von ihm initiierte Uraufführung von Wolfgang Mitterers „am morgen, als die sonne aufging“ noch besuchen.


Aus „Stimmen“ 1997 und 2002 und „Klangräume“ 2003 und 2004 entstand ein zweites Festival im „Klangraum“: Kontraste. Seltsame Musik, das Aichinger gemeinsam mit Matthias Osterwold und Gottfried Hattinger von 2003 bis 2009 kuratierte. Seine Liebe zu
experimenteller Musik und Avantgarde konnte er vor allem hier und auch in der Klangkunstschiene des Klangraum Krems Minoritenkirche umsetzen, die er bis zu seiner Pensionierung im Mai 2020 kuratieren sollte.

Jo Aichinger wurde mehrfach ausgezeichnet: Er erhielt 2014 den Ehrenpreis der Jury des Austrian World Music Award, 2017 den Würdigungspreis in der Sparte Musik (Kulturpreise des Landes Niederösterreich) sowie ebenfalls 2017 den Österreichischen Kunstpreis in der Kategorie Musik.

Jo Aichinger wird uns allen sehr fehlen.
Im Klangraum Krems, in der Kulturszene der Stadt und in der niederösterreichischen und österreichischen Musikfestivallandschaft. Er war immer auf der Suche nach Musik, die ihn selbst und das Publikum herausforderte: mit all seinem Herzblut, seiner Liebe, seiner Begeisterung und seinem großen Engagement.

Wir, das Team des Klangraum Krems Minoritenkirche und des Festivals Glatt&Verkehrt, möchten „unserem Jo“ auch auf diesem Wege für die wunderbare Zusammenarbeit über viele Jahre hinweg und für seine nie versiegenden Ideen danken.

Unser ganzes Mitgefühl gilt seiner Frau Barbara und seinen Kindern Jakob und Anna.

Albert Hosp zum Tod von Jo Aichinger
„Ich bin der glücklichste Mensch der Welt!“ Anruf von Jo. Es ist Juli 1997. Soeben ist der Innenhof der Winzer Krems überdacht und mit Sitzreihen versehen worden. Alles wartet auf die ersten Bands der ersten Ausgabe von Glatt&Verkehrt.
Eine von zahllosen Erinnerungen an Jo Aichinger, 1955 – 2021.
Jo war einer der für das Kulturleben Niederösterreich und darüber hinaus wichtigsten Menschen. Im Nachruf der NÖ Festival und Kino GmbH können wir das staunend nachvollziehen.Was immer er tat, wollte er mit weit mehr als 100% erledigen. Wer an seiner Seite arbeitete, bekam das zu spüren. Jo lebte die vollkommene Identifikation mit seinen Festivals so aus, dass andere nur atemlos mithetzten.

Eine an Besessenheit grenzende Arbeitswut – ich glaube, dass er mehr PC-Tastaturen zunichte gehackt hat als sein gesamtes Team – war typisch für Jos Charakter. Wer jemals mit ihm eine Radtour durch den Dunkelsteiner Wald zu machen wagte, wird alle Sünden abgebüßt haben. Als 1999 ein schweres Unwetter das Festivalgelände überfiel, war Jo unter den ersten, die im Gestänge der Überdachung herumkletterten, um Geräte in Sicherheit zu bringen.

Ich durfte Glatt&Verkehrt – wie Mitbegründer Wolfgang Schlag – von Anfang an mitgestalten.
Jo und ich waren in Salvador Bahia und lachten gemeinsam, im strömenden Regen, bei 40 Grad. Wir waren im Appenzell und stiegen vor Sonnenaufgang mit den zauberhaftesten Jodlern ins Tal. Wir besuchten die World Music Expo, in Saloniki und Sevilla, in Berlin und Kopenhagen, teilten uns die Konzerte auf und versuchten dann einer den anderen zu überzeugen: „Diese Band MÜSSEN wir haben!“ „Nein, DIESE!“ etc. etc.

Jo Aichinger war Glatt&Verkehrt.
Da verwundert es nicht, dass ihm der Abschied (2017) unfassbar schwerfiel. Dem Publikum unvergessliche, qualitativ höchststehende Konzertmomente von Musik ohne Grenzen zu ermöglichen: Das ist Jo Aichingers Erbe und Auftrag für alle, die ihm nachfolgen.
Jo, du konntest mir manchmal den letzten Nerv ziehen. Und ich hab dich wohl mit meiner pedantischen Genauigkeit an den Rand des Wahnsinns getrieben. Für mich hat sich unser Tun immer ausgezahlt. Ich danke Dir. Ich vermisse Dich.

Mag. Barbara Pluch
barbara.pluch@noe-festival.at;
++43(0)664 60499322
NÖ Festival und Kino GmbH,
Minoritenplatz 5, 3500 Krems
www.krems.gv.at